„Challenge und die Folgen!“ – ein Erfahrungsbericht von Jirka Schiborr

Vor Einnahme der Challenge bitte unbedingt Beipackzettel lesen, es können unvorhersehbare Nachwirkungen und Nebenwirkungen auftreten!

So geschehen bei einem Schüler der 9. Klasse des Würzburger Dag-Hammarskjöld-Gymnasiums. Lesen Sie hier den unglaublichen Bericht:

Wie alles begann…

Die Schule plante eine Challenge für die 9. Klassen. Eine Woche sollten sich die Schüler selbstorganisiert mit 60 € pro Person und 100 km von zu Hause entfernt durchschlagen.
Eine Woche, in der während der Schulzeit die Schulbücher zu blieben, Vokabelhefte und Formelsammlungen auf dem Schreibtisch ruhten und ganz andere Fähigkeiten gefragt waren: So mussten sich im Vorfeld zunächst einmal Gruppen für ein gemeinsames Projekt finden. Schon das stellte manchen vor große Probleme. Doch aber auch, wenn die Gruppe gefunden war, die Idee zum Projekt geboren, so war man noch lange nicht am Ziel! Wie setzt man das Projekt um? Wo können wir Hilfe zur Realisierung bekommen? Was ist erlaubt? Was nicht? Vieles mussten die Schüler selber klären und so mancher Adrenalinschub kam, wenn plötzlich wildfremde Leute angerufen werden mussten.

Doch daran sind alle gewachsen.

Nun aber zu einem besonderen Projekt:
Meine Gruppe nahm sich vor, mit dem Rucksack, Zelt und Kocher durch das Montafon zu wandern. Begleitet wurden wir von einer Studentin und deren Hund.
Wir organisierten uns über die Deutsche Bahn das nötige Bayernticket und auch eine Freifahrt bis Bludenz, einen Arbeitseinsatz auf der Lindauer Hütte als erste Anlaufstation, sodass wir dort sogar für zwei Nächte Kost und Logis bekamen. Bei den anderen Hütten erfragten wir im Vorfeld, ob wir in der Nähe der Hütte unsere Zelte aufstellen dürften, da dieses im Alpenraum eigentlich untersagt ist. Teilweise telefonierten wir bis zum Alpmeister, um unser Ziel zu erreichen.
So ging es dann los, jeder stieg mit ca. 18 kg-Rucksäcken und viel Motivation in den Zug.
Hürde eins kam in Österreich, als wir feststellten, dass die Freitickets, die wir von der deutschen Bahn erhalten hatten, nicht richtig waren. So mussten wir argumentieren und erklären, damit wir im Zug bleiben konnten. Im Montafon angekommen wanderten wir los, um die 1000 Höhenmeter zur Lindauer Hütte zurückzulegen. Doch schon bald merkten wir, dass unser Gepäck viel, viel zu schwer war. Erschöpft und am Ende kamen wir an der Hütte an. Schon abends überlegten wir gemeinsam Lösungsmöglichkeiten, denn es war uns allen klar, dass die hochalpine Tour so nicht zu laufen war! Doch den nächsten Tag hieß es erstmal zum Arbeitseinsatz in den botanischen Alpingarten an der Lindauer Hütte. Dort kümmerten wir uns um den Wildwuchs und genossen dabei aber auch die beeindruckende Bergkulisse. Keiner wollte hier wieder weg, also musste erneut eine Lösung gefunden werden. Am Abend hatte Kathrin die rettende Idee: in unmittelbarer Nachbarschaft der Hütte liegt die Obere Sporaalpe. Dort werden im Sommer 70 Kühe der montafoner Bauern gehalten. Als Tochter aus einer Landwirtschaft ist sie Profi auf dem Gebiet, vielleicht könnte man dort helfen und dafür die Woche dort verbringen? Gesagt getan- wir haben dort nachgefragt und die Senner nahmen uns herbergslose Truppe auf.
Es gab dort immer etwas zu tun, so konnten wir uns nützlich machen, aber durften auch mal zur Geisspitz wandern oder den Bach genießen.
Mir hat die kurze Episode als Kuhhirte besonders gut gefallen und als Martin, der Chef der Alpe, mir sagte, dass sie Hilfe auf der Alpe gebrauchen könnten, und mich fragte, ob ich in den Sommerferien als Kleinhirte wiederkommen wolle, war meine Antwort sofort “ja”.

Also bin ich nach der Challenge mit meinen Freunden wieder nach Hause gefahren, eine Woche zur Schule gegangen und am ersten Ferientag ging es bewaffnet mit Farmergummistiefeln zurück ins Montafon.

Am ersten Morgen, als der Wecker um 4.00 Uhr klingelte, fragte ich mich zwar schon kurzfristig, ob das die richtige Entscheidung war, doch als ich dann draußen im Dunkeln mit Stirnlampe und Hirtenstab zum ersten Mal die Kühe von der Weide in den Stall treiben durfte, waren die Zweifel und die Müdigkeit sofort verflogen. Es war einfach fantastisch.  Uns so blieb es Tag für Tag! Jedes Mal ein wenig anders und doch ein fester Ablauf, eine Routine, die im Groben vorgegeben war.
Das Melken, die Milch zur Sennerei fahren, die Kühe füttern, nach den Kälbchen schauen. Überall durfte ich helfen, vieles durfte ich alleine machen, es waren meine Aufgaben, nur ich war dafür verantwortlich.
Nachdem ich die Kühe wieder auf die Weide getrieben hatte, gab es Frühstück. Mit frischer Milch- frischer geht es nicht, eigener Butter und Käse.
Tagsüber mussten Zäune repariert werden, nach den Kühen, den Rindern oder auch den Pferden geschaut werden, Tagesgäste kamen zur kleinen Einkehr und kauften auch gerne unsere Butter, den Bergkäse oder die Montafoner Spezialität den “Sura Kees”.
In der Sennerei arbeitete ich mit bei der Käseherstellung, überall war meine Hilfe gefragt.
Am Nachmittag hieß es wieder die Kühe in den Stall treiben und die Prozedur des Morgens wiederholte sich. Um 21.00 gab es Abendessen und danach fiel unser “Männerkloster” müde ins Bett, denn am nächsten Morgen, um 4.00 Uhr klingelte wieder der Wecker und ich stellte mir abermals kurzfristig die Frage…
Auf unserer Alpe verbrachten mit mir rund 70 Kühe den Sommer, zusammen gaben sie pro Tag ca. 700l Milch.
Am Ende des Sommers hieß es umziehen. Die gesamte Alpmannschaft mit Mann und Kuh siedelte runter auf die 300 Höhenmeter tiefer gelegene Untere Sporaalpe. Auch da habe ich mich schnell eingelebt, der Tagesablauf blieb der gleiche. Die Almen für die Kühe waren dichter an der Alpe, so dass sich die Arbeit etwas schneller erledigen ließ.
Besonders Spaß hat es mir gemacht, wenn ich selber mit dem Jeep von einer Alpe zur anderen fahren durfte. Die größte Schwierigkeit dabei war, dass ich kaum über das Lenkrad schauen konnte 😉

Ein Ereignis, das ich nie vergessen werde, war zum Schluss der Alpabtrieb.
Die Kühe samt Rinder wurden wunderschön geschmückt und von uns in einer großen Herde zurück ins Tal getrieben. Dort nahmen die einzelnen Bauern die Sommerfrischler entgegen. Allerdings hat man den Kühen deutlich angemerkt, dass sie lieber auf der Alpe geblieben wären. Sie spürten, dass es für viele jetzt wieder dem langen Winter im Stall entgegengeht.
Unsere Alpenmannschaft hat noch ein letztes Mal zusammen feiern können, bevor es hieß, Abschied zu nehmen. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt und ich freue mich jetzt schon auf die nächste Zeit auf der Sporaalpe, auch wenn ich mich morgens um 4 Uhr beim Weckerklingen sicherlich wieder fragen werde…

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Jirka Schiborr